Ekkehard Stoevesand

Kinder malen nicht das, was sie sehen, sondern das, was sie wissen. Ähnliches gilt auch für mittelalterliche Malerei. Nur langsam befreit sich der Blick von Bewusstem, kaum aber ist er im 19.Jahrhundert auf sich gestellt, geht es um das, was früher als künstlerische Technik galt, selbst: die Farbe, die Perspektive, die Tiefe, die Verteilung. Letztlich geht es um die Wirklichkeit selbst. In gegenstandsloser Malerei geht es um Beziehungen, Gewichtungen, das Spiel selbst, um etwas, das früher Teil der gegenständlichen Komposition war. Spiel ist, glaube ich, ein ganz entscheidendes Merkmal gegenstandsloser Malerei.

In den Arbeiten um 1990 spielt Ekkehard Stoevesand mit der bildfüllenden Wucht großer einzelner Motive, die bemerkenswerterweise gerade durch das Aussparen von Fläche zum Rand hin umso schärfer hervortreten. Und obwohl die Bilder auf mächenhafte Wirkung hin angelegt sind, machen strichhafte, graphische Elemente den Reiz an ihnen aus. Hinzu kommt, dass die Gebilde durch Herausarbeiten eines Profils an den großen Flächen eine räumliche Natur bekommen. All das bewirkt auch, dass man in der Schwebe verbleibt, ob es sich um Naturformen oder Artefakte handelt; ein Anklang an technische Gestalten liegt auch nicht fern. Aber letztlich ist es gleich — : entscheidend ist die gewichtende Kombination von Großformen mit sensibler Feinbehandlung.

Bei der größten Zahl der wiedergegebenen Bilder dominieren die Farben Schwarz, Rot und Goldgelb, und es ist kein Geheimnis, dass dahinter die deutsche Flagge als Anregung steht. Das hat hier allerdings nicht mit irgendeiner Ideologie zu tun, sondern mit der simplen Frage: Was lässt sich mit diesen Farben künstlerisch anfangen? Man kann sie streng linear anordnen, kann auf Geometrie achten, siebartig in Punkte auflösen . . .  Für Ekkehard Stoevesand geht es um einen ekstatischen Tanz. Es geht um Füllung der Fläche und dann wieder um ein Aussparen, um ein geradezu musikalisches Kontrapunktieren. Die schwarze Farbe wird zu den Säulen des Brandenburger Tors, das senkrecht und ernst einen Durchgang zu verwehren und in Flammen zu stehen scheint — sind es die Flammen einer Gefahr oder der Freiheit? Wir müssen uns auch hüten, hier allzu direkt zu deuten — jedes Bild ist ambivalent, ja, es macht Ambivalenz überhaupt erst spürbar. Die Tonleiter von Andeutungen und An-Spielungen umfasst sehr vieles. Ein Bild mag an ein Feuerwerk erinnern, ein anderes an ein Pferderennen, ein drittes an stehende Idole. Gegenständliche Assoziationen sind ja nicht verboten. Wieder und wieder erscheint eine Kreuzform; einmal deutet sich dabei fast die Gestalt eines (einer?) Gekreuzigten an, in der seltsamen Ruhe und Heiterkeit sogar, wo alles Schwarze sich oben gesammelt hat und wie durch die waagerechten Kreuzarme dort gestaut wird, so dass die unteren drei Viertel in gedämpftem Weiß fast wie ausgespart wirken; das waagerechte Rot mag an Blut erinnern, es rinnt sogar an einer Stelle ins Weiß hinunter und tut es auch noch an einer anderen Stelle, in der auch das Schwarz wiederkehrt; aber was wie der Kopf des Gekreuzigten wirkt, ist nicht leidvoll zur Seite oder nach vorn gefallen, auch nicht streng frontal, sondern geradezu teilnehmend, selbstsicher und nachdenklich. Etwas Symbolisches klingt an, aber es stimmt mit keinem tradierten Symbol überein, zeigt einen neuen, anderen Aspekt des Vertrauten. Sehr lange ließe sich über dieses Bild philosophieren.

Schon die figuralen Anspielungen hier zeigen, wie der Gegensatz Abstrakt — Gegenständlich für Ekkehard Stoevesand keine absolute Gültigkeit hat. Die Atelierbilder vermitteln das noch stärker. Alles ist deutlich erkennbar, aber neben die einzelnen Gegenstände, Becher, Gläser, Pinsel, Tuben stellen sich gleichberechtigt der Raum und die Verteilung von Gesamtheit und Einzelnem. In unterschiedlichem Maße, aber deutlich herrscht hier der Eindruck von Ruhe, ja von einem heiteren Frieden. Es sind geschlossene Räume, aber sie beengen nicht; übersichtliche, lineare Struktur kontrastiert mit Zufälligem; aber noch darin reihen oder ordnen sich Parallelen nebeneinander. Es ist der Friede von Dingen, die einander kennen, die den Gebrauch ahnen lassen, aber hier ihren Sonntag feiern.

Genauso vermitteln die Bilder von der Südsee, Vegetation, Vulkanismus und Idole uns Menschliches. Es ist eine Welt, wo sich immer wieder im Spiel und Kampf von Formen, Farben und Linien parallele Elemente zusammenfinden und den Eindruck von Strömung erzeugen — eine Ordnung, die aus dem Chaos hervorgeht und in ihm Richtungen aufkommen lässt, wie eine Art von sinnvollem Zufall. Und dann ganz gegenständlich das Bild des Städtchens Schwalenberg; gerade hier aber wird deutlich, wie die abstrakten Elemente sich an anderer Stelle sammeln; zwischen ihnen im Vordergrund und den planvoll gebauten und so vorgefundenen Häusern auf dem Berg besteht ein eindrucksvoller Kontrast, verstärkt noch durch den Kontrast zwischen den roten Dächern und dem Grün des pflanzlichen Vordergrundes.
Im Abstrakten ist Gegenständliches angedeutet, aber auch das Gegenständliche enthält abstrakte Elemente; beides braucht einander und bringt einander gegenseitig hervor.

– Prof. Dr. Wilhelm Gauger